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Journal/Ein Kabel

21. Juli 2026 · 6 Min. Lesezeit

PoE: ein Kabel für Strom und Bild

Eine Leitung für Strom und Videosignal – dieses Versprechen hält. Schiefgehen kann es erst, wenn man eine einfache Bullet und eine PTZ-Kamera am Switch gleich behandelt.

Techniker am Netzwerkschrank zwischen Switches und Ethernet-Kabelbündeln
Der Schrank ist schon voll, auf einem Etikett steht noch „POE ???“. Hier beginnt die Fehlersuche – nicht im Prospekt.

Wir kennen Standorte, an denen mittags alles einwandfrei läuft und die Kamera um 3 Uhr nachts neu startet. Das IR schaltet sich zu, die Kuppelheizung springt an, auf dem zu langen Cat.-6-Kabel geht Spannung verloren – die Kamera fällt aus, fährt hoch, fällt wieder aus. Die Optik ist daran unschuldig. Das PoE-Budget wurde schlicht nie berechnet.

Alle Modelle im Nachtfeld-Sortiment werden über PoE versorgt. Das heißt aber nicht „irgendein Switch, beliebige Kabellänge“. Leistungsklasse, Länge und Midspan klären wir vor der Bestellung – nicht erst nach dem ersten nächtlichen Neustart.

Eine Leitung, zwei Aufgaben

Das Prinzip von Power over Ethernet ist simpel: Ein Kabel überträgt Gleichstrom und Bild zugleich. Die Kamera ist das PD (Powered Device), also der Verbraucher. Der Switch – oder ein Midspan – ist das PSE (Power Sourcing Equipment), die Quelle. Sie brauchen keine 230-V-Steckdose über der Tür und kein zweites Leerrohr nur für den Strom.

Der Haken ist das Wort „PoE“ auf der Verpackung. Ohne IEEE-Klasse, ohne das Gesamtbudget des Switches und ohne die tatsächliche Länge bis zum Mast bleibt es ein bloßes Etikett. Ein Port nach 802.3af Klasse 2 ist eben kein Port nach 802.3at. Wer beide an denselben Switch mit „8 PoE-Ports“ hängt und einfach bis acht zählt, macht sich bereits etwas vor.

Kabeldurchführung mit Cat.-6-Kabel unter der Dachrinne und ein PoE-Tester
Eine Kamera, eine Durchführung, ein Cat.-6-Kabel. Die grüne LED am Tester verrät nicht, ob das Switch-Budget auch um 3 Uhr nachts reicht.

Was die sechs Modelle tatsächlich brauchen

Ein Sortiment plant man nicht über einen Durchschnittswert. Ausgangspunkt sind die Datenblätter – und dazu kommt alles, was dort als „typisch“ steht und nachts überschritten wird: IR, Heizung, Motoren.

  • Innenpanorama 5100i – IEEE 802.3af Typ 1 Klasse 2, ca. 5,6–6 W. Das sparsamste Modell im Sortiment. Eine Halle, eine Decke, kaum Leistungsbedarf.
  • FLEXIDOME outdoor 5100i IR – 802.3af/at, typisch 4,8–7,3 W. Klasse 3, sobald der 45-m-IR-Strahler anspringt. Es ist unser meistverbautes Modell – und darf auf keinen Fall wie das 6-W-Panorama behandelt werden.
  • DINION 3100i IR – 802.3af, optional 24 V DC. Das 30-m-IR ist ein echter Verbraucher, kein Extra. 24 V ist nicht die erste Wahl.
  • IR-Außenpanorama – PoE, IR in Zonen. Braucht mehr als das Innenmodell: Die LEDs sind hier mehr als eine Nebensache.
  • FLEXIDOME 8100i X – PoE. Das Datenblatt nennt −50 °C, also ist eine Heizung verbaut. Eine Laderampe im Januar verbraucht etwas ganz anderes als bei 20 °C.
  • AUTODOME 5100i – PoE und 24 V AC. Motoren, 30-fach-Zoom, Kuppelheizung: höherer Bedarf, anspruchsvollerer Port. Mit Klasse 2 ist es hier nicht getan.

Acht Ports heißen nicht acht Kameras

Entscheidend ist nicht die Zahl der RJ45-Buchsen, sondern das gesamte PoE-Budget des Switches in Watt – und was jeder einzelne Port tatsächlich liefert. Ein Switch mit „8 PoE-Ports“ und 60 W Gesamtbudget versorgt keine acht Kameras der Klasse 3. Drei oder vier laufen sauber – der Rest nur bis zum ersten Frost.

Hat der vorhandene Switch kein PoE, setzen wir einen Midspan ein: einen dokumentierten, passend dimensionierten Injektor im Schrank. Acht einzelne Netzteile, versteckt in der Zwischendecke, sind keine Installation, sondern eine Altlast.

Wir beschriften alles. Ein Etikett mit „POE ???“ im Schrank zeigt, dass eingesteckt statt gerechnet wurde. Auch das Absichern des Streams fängt hier an: Wer weiß, welcher Port welche Kamera versorgt, kann sie auch gezielt isolieren.

Die Kabellänge – bevor es um 3 Uhr neu startet

Ethernet schafft 100 m. Bei PoE geht auf dem Kupfer allerdings Spannung verloren. Je länger das Kabel, desto weniger Volt kommen an der Kamera an – vor allem nachts, wenn IR und Heizung gleichzeitig ziehen. Genau das steckt oft hinter dem nächtlichen Neustart: Tagsüber reichen 5 W problemlos, um 2 Uhr verdoppelt sich die Last, der Spannungsabfall wächst, und das PD steigt aus.

Wir messen das Leerrohr aus, verlegen Cat. 6 und berechnen den Spannungsabfall, bevor der Switch gekauft wird. Ein Midspan nahe an der Kamera ist besser als eine 90-m-Direktleitung aus dem Kellerschrank. Unsere Methode hält Schrank und Mast auf demselben Plan fest: den Bildausschnitt, der überwacht werden soll, und die Leitung, die ihn versorgt.

Switch, Maßband und Taschenrechner auf der Werkbank beim Berechnen des PoE-Budgets
Maßband, Switch, Taschenrechner: Das Budget rechnet man in Watt und Metern, nicht in Ports.

24 V ist kein improvisierter Plan B

Bei der DINION ist 24 V DC eine dokumentierte Alternative, bei der AUTODOME sind es 24 V AC. Darauf greifen wir zurück, wenn die Strecke länger ist, als PoE sauber überbrückt, wenn in einer Halle ohnehin 24 V anliegen oder wenn das Switch-Budget schon von anderen Geräten aufgebraucht ist.

Das ist keine Versorgung, „die sich schon irgendwie findet“. Ein Netzteil ohne Typenbezeichnung, ein 12-V-Gerät nach dem Motto „wird schon gehen“, ein No-Name-Injektor an einer PTZ-Kamera – dafür stehen wir nicht gerade. Die 24 V stehen im Angebot genauso wie das Modell.

Ehrlich installieren heißt: erst rechnen, dann schrauben

Das eine Kabel bleibt die richtige Idee: weniger Leerrohre, weniger Steckdosen, ein Schrank, den man auf Anhieb versteht. Doch das Nachtbild, das Archiv von morgen und die überraschenden Aufnahmen gibt es nicht, wenn die Kamera um 3:12 Uhr neu gestartet ist. Wir verkaufen sechs PoE-Modelle – und dimensionieren den Port, nicht den Werbespruch.

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